Gewinnbringendes CMS

Warum sich die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern für das Open Source Content Management System Neos entschied – und welche Erfahrungen sie bei der Einführung machte.

Philip Berghoff

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Die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern setzt für den Relaunch ihrer Website auf das CMS-System NEOS – und wurde für den neuen Auftritt mehrfach ausgezeichnet. Quelle/Copyright: eyekon.ch

Über 15.000 aktive Nutzer:innen, Standorte in und um Luzern und eine Sammlung von mehr als zwei Millionen Bücher und Medien: Die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB) ist die größte Bibliothek der Zentralschweiz. Die unterschiedlichen Standorte mit heterogener Nutzerschaft – vom allgemeinen Publikum bis zu Universitäts- und Hochschulangehörigen – stellen entsprechend hohe Anforderungen an ihre Website. Für deren Relaunch entschied sich die Bibliothek für das Open Source Content Management System Neos – und wurde für das Projekt mit einem Best of Swiss Web Award in der Kategorie Creativity sowie dem Neos Award ausgezeichnet.

Als große allgemeine und wissenschaftliche Bibliothek vermittelt die ZHB Luzern Literatur und Informationen für Forschung und Lehre, Studium und Beruf, Freizeit und Unterhaltung. 1951 eröffnet, umfasst sie sieben Standorte, darunter Bibliotheken der Hochschule Luzern sowie der Universität Luzern und der Pädagogischen Hochschule Luzern. Seit 1997 verfügt die ZHB über eine eigene Website, die über die Jahre zwar Anpassungen erfahren hatte, jedoch zunehmend den heterogenen Anforderungen der Bibliotheksnutzenden nicht mehr hinreichend gerecht werden konnte. Deshalb entschied sich die ZHB für eine Neuentwicklung. „Wir benötigten eine gemeinsame Website für alle Standorte der Bibliothek, die vom öffentlichen Publikum, sowie Forschenden, Dozierenden und Studierenden gleichermaßen intuitiv genutzt werden kann“, erklärt Dr. Nadja Meyenhofer, die bei der ZHB unter anderem für die Website zuständig ist. 

Das Redesign, initiiert von Beat Mattmann, welcher die Leitung der Abteilung Library IT an der ZHB inne hat, wurde 2022 gemeinsam mit der Designagentur Eyekon unter der Co-Leitung von Beat Mattmann und Nadja Meyenhofer entwickelt. Die technische Umsetzung übernahm die Webagentur visol. Nach zweijähriger Arbeit, inklusive einer intensiven Research-Phase mit Nutzenden-Befragung, ging die neue Website der ZHB am 29. Februar 2024 live.

Pro- und Con-Wettbewerb: TYPO3 oder Neos

Für die Neuentwicklung entschied sich die Bibliothek für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der visol digitale Dienstleistungen AG. Der Entwickler von Websites und Business-Applikationen betreute bereits den laufenden Betrieb der ZHB-Website sowie vorhergehende Redesigns und Upgrades. Bisher kam als Content Management System TYPO3 zum Einsatz, war für den Relaunch aber nicht gesetzt. „Wir arbeiten sowohl mit TYPO3 als auch mit Neos “, erklärt Lorenz Ulrich, der das Projekt als Geschäftsführer von visol begleitete. „Unser Ziel war es, gemeinsam mit dem Team der ZHB eine Entscheidungsmatrix aufzustellen, um dann in einem Pro- und Contra-Vergleich das passende CMS für die Website zu finden.“ 

Intuitiv benutzbar – für Bibliotheksbesucher:innen und Editor:innen

Neben der Integration aller sieben Bibliotheks-Standorte in eine Website waren beim Redesign die Suche nach Inhalten und das Content-Editing zentrale Punkte: „Die Suche nach Büchern und digitalen Inhalten sollte deutlich intuitiver funktionieren, damit unsere Nutzenden schneller zu ihren Informationen kommen“, so Nadja Meyenhofer von der ZHB. „Außerdem benötigen wir ein CMS, das unseren Editor:innen gerecht wird. Als Bibliothekare wünschen sie sich klare Strukturen, Kategorien und Ordner. Zudem sind nicht alle Mitarbeitenden gleichermaßen technikaffin.“ Das CMS sollte deshalb intuitiv bedienbar sein, damit sich die rund 70 Editor:innen voll und ganz auf die Inhalte konzentrieren können, die sie auf der Website veröffentlichen. Neos hat sich dabei schnell als Favorit herausgestellt, so Lorenz Ulrich: „Neos ist ideal geeignet für strukturierte Inhalte und ermöglicht es, out-of-the-box eigene Seiten- und Inhaltstypen zu verwenden. Außerdem bietet das CMS ein sehr intuitives Interface für die Content-Verwaltung und einen übersichtlichen WYSIWYG-Editor, der das Bearbeiten von Inhalten sehr einfach macht und keine Abstrahierung erfordert.“

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Der WYSIWYG-Editor von Neos macht das Bearbeiten von Inhalten sehr einfach und intuitiv. Quelle/Copyright: zhbluzern.ch / neos.io

Eigene Theken für jeden Standort

Auch das Design- und Bedienkonzept der externen Designagentur Eyekon Digital Craft konnte mit Neos am besten umgesetzt werden. Es wurde im Rahmen einer User Research mit Interviews, Workshops und User Stories entwickelt. Jede Bibliothek erhält demnach eine eigene Site im Design der echten Theken vor Ort, mit angepasster Darstellung und Informationen. Dennoch sind alle Seiten und Inhalte klar verbunden und integriert. Im Mittelpunkt stehen ein Suchfeld mit dialoghaften Suchvorschlägen sowie ein Menü, das auf die Bedürfnisse der Nutzenden ausgerichtet ist. „Die effiziente Informationsvermittlung stand für uns im Vordergrund“, so Nadja Meyenhofer, „deshalb haben wir uns fast zwei Jahre Zeit genommen für die Entwicklung des Design- und Inhaltkonzepts. Genau dieses durchdachte Konzept hat die Inhaltsmigration und -erstellung für alle Beteiligten sehr vereinfacht.“

Verbessertes Media Management dank Open Source

Genaues, strukturiertes Arbeiten mit Inhalten war für die ZHB eine Grundvoraussetzung – was für die Bibliothek selbst gilt, sollte auch für das CMS gelten. Die beliebig verschachtelbaren Content-Sammlungen in Neos waren dafür eine Grundlage. Gleichzeitig bot das Media Management in Neos bis dato keine Hierarchie. Das sollte für die ZHB angepasst werden, damit das System den Anforderungen der Editierenden entspricht. Mit diesem Wunsch und einem Sponsoring für die Entwicklung wandten sich ZHB und visol an Sebastian Helzle, einen freiberuflichen Neos-Entwickler und  Mitglied des Core-Entwicklerteams des CMS-Systems. Er programmierte die Erweiterung der Mediathek für Neos. Dem Open-Source-Ansatz des CMS entsprechend steht die Erweiterung  jetzt allen Neos-Entwickler:innen zur Verfügung. Dieses Vorgehen passt für Nadja Meyenhofer perfekt zur ZHB: „Die Weiterentwicklung nützt uns und sicherlich auch anderen Bibliotheken und Websites mit ähnlichen Anforderungen. Das Vorgehen über ein Sponsoring war für uns zunächst ungewohnt, die schnelle Umsetzung durch Sebastian Helzle und die Neos-Community war dann aber ein voller Erfolg. Zudem passt der Open-Source-Gedanke gut zur Strategie der ZHB und unserem eigenen Engagement in Sachen Openness, zum Beispiel im Bereich Open Science.“ Als weitere Anpassungen und Erweiterungen integrierte visol unter anderem die oben erwähnte Neos Media UI, eine Volltextsuche über die gesamte Website und Möglichkeiten für die Zwei-Faktor-Authentifizierung in Neos.

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Das Media Management in Neos wurde für die ZHB weiterentwickelt – initiiert durch ein Sponsoring des Auftraggebers und umgesetzt durch ein Mitglied des Core-Entwicklerteams des CMS. Quelle/Copyright: zhbluzern.ch / neos.io

„Zeit für strategische Web-Entwicklung gewonnen“

Ab Mitte 2023 wurden rund 80 Prozent der Seiten- und Inhaltstypen für die neue Website entwickelt und das Projektteam der ZHB geschult, das wiederum die Editor:innen im Umgang mit Neos instruierte. Damit konnten Inhalte erfasst und umgesetzt werden. In einem weiteren Sprint wurde die Website dann fertiggestellt, sodass der Launch Anfang 2024 erfolgen konnte – nach nur einem guten halben Jahr Entwicklungszeit. Nadja Meyenhofer ist damit absolut zufrieden: „visol hat unsere Wünsche mit Neos perfekt umgesetzt. Unsere Editierenden arbeiten sehr selbständig und erfolgreich mit dem neuen System. Sie haben Spaß an der Content-Erstellung, finden sich auf Anhieb zurecht und entwickeln Content weiter. Ihr Engagement ist durch die neue Website und Neos deutlich gesteigert worden – und wir im Administratoren-Team müssen weniger Support leisten. Dadurch haben wir Zeit für strategische Web-Entwicklung gewonnen.“

Zwei Auszeichnungen – und intern ein großer Erfolg

Die neue Website der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern ist ein Erfolgsprojekt für alle Beteiligten. Sie trägt stark dazu bei, dass die sieben Bibliotheken und Standorte der ZHB als Einheit wahrgenommen werden. „Die Nutzenden der ZHB und ihre Mitarbeitenden finden sich und Ihre Bedürfnisse in der neuen Struktur wieder“, sagt Meyenhofer, „von den Bibliotheksstandorten selbst über Studierende, Forschende und Dozierende bis hin zur Öffentlichkeit. Das hat enorm zur Akzeptanz der Website beigetragen.“

Das neue Design der Website und die Umsetzung werden auch von außerhalb der Bibliothekscommunity wahrgenommen: Der Best of Swiss Web Award zeichnete das innovative, nutzungsorientierte Konzept und das mutige, offene und moderne Design der Webagentur Eyekon mit dem Bronze-Award in der Kategorie „Creativity“ aus. Außerdem wurde die Website mit dem Neos Dedication-Award für ihr user-zentriertes Design, die klare Informationsarchitektur und die intuitive und zielführende Suchfunktion ausgezeichnet.

„Wir sind sehr happy mit Neos und unserer Website“, sagt Nadja Meyenhofer. „Ein paar Ideen für Verbesserungen haben wir aber noch.“ Im nächsten Schritt ist die Migration des ZHB-Intranets zu Neos geplant, welches bis dato ebenfalls via TYPO3 verwaltet wurde.

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Nadja Meyenhofer betreute die Neuentwicklung der Website für die ZHB Luzern. Quelle/Copyright: zhbluzern.ch